LiLu.tk - Mit dem Fahrrad durch die Welt

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Asien VI - Auf dem Karakorum Highway Asien

Zeitraum
Mitfahrer
Wo genau
km
18.08.2006 - 04.10.2006
Jens-Ulrich Groß
Bishkek / Naryn - Ak-Mus - Chatyr-Tash - Turugart Pas / Kashgar - Tash Kurgan / Kunjerab Pass - Sost - Karimabad - Gilgit - Sassi - Kachura - Skardu - Satpara - Chilam - Astore - Talech - Gonar Farm - Chilas / Babusar Pass - Besal - Naran - Kaghan - Balakot - Mansehra - Abbotabad - Murree - Islamabad - Rawalpindi
1882

Auf dem Karakorum Highway
(Oder: Nie wieder British Airways!!!)
Eine Fahrradtour durch Tienshan, Pamir, Karakorum und Himalaja

mehr Bilder
Rakaposhi (7788 m)
Es sollte die Radtour ihres Lebens werden, doch nun stehen Jens-Ulrich Groß und Dr. Lutz Gebhardt ungläubig am Gepäckband des Flughafens der kirgistanischen Hauptstadt Bishkek.

Ein Koffer nach dem andern quillt hervor, aber keine einzige Fahrradpacktasche. Dann ist das Band auf einmal leer. Nichts, aber auch gar nichts wurde aus dem Bauch des Flugzeuges von British Airways für uns gebracht. Wir stehen da mit dem was wir auf dem Leibe tragen, als Handgepäck durften wir in Frankfurt gerade mal unsere Fototaschen und den Fahrradhelm mitnehmen. Die Hoffnung, dass, wie versprochen, das Gepäck mit der nächsten Maschine kommt, zerplatzt 48 Stunden später wie eine Seifenblase. Nun beginnt eine nervenaufreibende Wartezeit. Unzählige Gespräche mit British Airways Deutschland und mit den zuständigen Dienststellen füllen unsere Tage. Nach einer Woche kommen die Fahrräder. Allerdings ohne die linken Pedalen, die sind in einer der fehlenden Packtaschen Als nach 10 Tagen nur ein weiteres Gepäckstück eintrifft, planen wir schon fest unseren Rückflug, als  am 12. Tag (!) endlich plötzlich alle noch fehlenden Gepäckstücke eintreffen.

Nun gilt es keine Zeit zu verlieren. Nach unserem Tourenplan wollten wir an diesem Tag, nach einer 500 km-Runde durch den zentralen Tienshan, bereits in Naryn sein. Noch in den Abendstunden erreichen wir mit einem gecharterten Kleintransporter diese kleine Stadt im Tienshan, die sich jetzt im Jahr 15 der Unabhängigkeit als Mischung aus sowjetischem Erbe und einer neuen Freiheit präsentiert. 

Nicht die Hauptstraße zum Torugart-Pass sondern die Nebenroute zwischen At-Bashi-Gebirge und chinesischer Grenze scheint uns die interessantere und unbefahrenere Strecke zu sein. Das ist sie auch - das Ak-Say-Tal ist Grenzregion und ohne Sondergenehmigung nicht befahrbar! An fünf Posten müssen wir unser Permit mit den vielen schönen Stempeln vorlegen. Früher war das schlimmer. Doch seit die Russen 2005 von der Grenze abzogen, kehrt hier immer mehr Ruhe ein. Brücken und Straßen sind den Naturgewalten ausgeliefert und dem Verfall preisgegeben. So müssen wir immer wieder durch fast knietiefe Bäche und Flüsse waten.

An der kirgisisch-chinesischen Grenze auf dem Torugart-Pass blickt ein jugendlicher Posten flüchtig auf unseren Pass mit dem chinesischen Visum, und wir den denken schon, das uns mit großen roten chinesischen Lettern empfangende Reich der Mitte für uns erobern zu können. Doch 8 km weiter und ein paar hundert Höhenmeter tiefer, am inneren Checkposten, werden wir in die Realität zurückgeholt. „Go back to Kirgisistan“ schleudert uns der mit drei Sternen dekorierte Posten entgegen. Als Individualtourist mit dem Fahrrad nach Kashgar zu fahren ist verboten! Am nächsten Tag werden wir dann von einem Reisebüro mit einem Jeep in das quirlige Kashgar gebracht. Dann sind wir allein mit uns – obwohl wir unter hunderttausenden Menschen sind. Eine Speisekarte können wir gleich wieder zuklappen, weil wir nichts lesen können. Fragen können wir auch niemanden, denn das normale Volk spricht uigurisch oder chinesisch. Englisch ist in der Regel Fehlanzeige. Mit einem Zettel, auf dem ein paar wichtige Sätze in englisch, uigurisch und chinesisch stehen „hangeln“ wir uns durch die Oasenstadt am Rande der Taklamakan.

Von Marco Polos Kashgar sind nur noch Reste zu sehen, die als Museumsstadt heute die Touristen anziehen. Daneben tobt das Leben einer modernen Stadt mit Hochhäusern, Einkaufstempeln und breiten Straßen, auf denen der Verkehr wild durcheinander flutet. Nach welchen Regeln der Kreisverkehr funktioniert haben wir bis heute nicht begriffen. Der Basar hat neben orientalischen Gewürzen und Speisen alles zu bieten was vorstellbar ist.

Nagelneu ausgebaut ist der Karakorum Highway (KKH), der uns zu den höchsten Bergen des Pamirs führt.  Der Mustag Ata und der erste 4000er Pass liegen fast hinter uns, als Wolken und Dunst endlich abziehen und der 7546 m hohe Berg sich in seiner atemberaubenden Erhabenheit präsentiert. Tashkurgan –  hier beginnt die nächste Grenzzone – und wieder dürfen wir im Sattel nicht weiter. Zum Glück können wir direkt auf dem Khunjerabpass den Bus verlassen, hier beginnt pakistanischer Boden.

Nach den weiten Hochgebirgstälern des Pamir umfängt uns nun die zerklüftete Bergwelt des Karakorum. Eine phantastische Welt beginnt. Tosende Gebirgsbäche zwängen sich durch enge Täler, steile Felswände ragen in den Himmel, hinter denen sich dann weiße Bergspitzen in den blauen Himmel recken. Von den Bergen fließen Gesteinschuttströme ins Tal, die die Fahrbahn immer wieder verschütten. Unvorstellbar wie hier noch eine Straße in den Fels gesprengt werden konnte. über 80 km sind wir mit der Landschaft allein, bis in Sost die Grenzstation erreicht ist. Hier pulsiert das Leben. Menschen wimmeln um die Verkaufsbuden entlang der Hauptstraße. Jeeps und Pickups bahnen sich laut hupend ihren Weg. Und dann die berühmten pakistanischen Lastenwagen. Jeder freie Flecken der Karosse ist wie für den Zirkusauftritt bemalt. Gigantische Auf- und Anbauten tun ein übriges. Manche Modelle punkten mit kunstvoll geschnitzten Holztüren, andere haben kleine Propeller neben den Spiegeln die sich im Fahrtwind drehen. Von den Stoßstangen hängen unzählige Ketten bis knapp über den Boden und an deren Enden Metallplättchen, die bei jeder Bewegung klingeln.
Der Hunzakarakorum besticht durch seine fruchtbaren Täler, die sich am Fuße majestätischer Siebentausender winden. Das ist nicht nur eine der beeindruckendsten Hochgebirgslandschaften der Welt, sondern auch die Heimat der Aprikosen. Majestätische Bäume mit knorrigen Stämmen und weit auskragenden Kronen bringen reiche Ernten, die dann auf den Dächern getrocknet schon seit Urzeiten ein wichtiges Nahrungsmittel für den Winter sind. Weiße Gipfel und Gletscher die fast bis an die Straße reichen prägen das Bild. Unvergesslich bleibt der Anblick des Rakaposhi (7788 m). Unmittelbar neben der Straße ragt der Gipfel unglaubliche 5000 (!) Meter steil in den azurblauen Himmel.

Tag für Tag radeln wir durch eine nicht endende Hochgebirgswelt. Der Indus ist greifbar nah, als sich mit dem Nanga Parbat (8125 m) der westlichste Pfeiler des Himalajamassivs in unser Blickfeld schiebt. Hier hat der Indus eine gewaltige Schlucht in den Fels gefressen, die uns vom KKH talaufwärts nach Skardu lockt. Nackter Fels und brütende Hitze, die man im Gebirge kaum erwartet, machen die ersten Kilometer zur Qual. Dann wird die Landschaft gigantisch. Mehrere hundert Meter hohe Felswände, die die Sonne nur wenige Stunden am Tag bis auf den Grund scheinen lassen, wechseln sich mit fruchtbaren Talinseln ab. Fast drei Tage folgen wir im ständigen Auf und Ab dem engen Industale. Dann öffnet sich die Schlucht und der Indus hat sich in einem breiten Kessel in unzählige Arme aufgegliedert, zwischen denen die häufigen Stürme Sanddünen aufgetürmt haben.

Die kleine Stadt Skardu ist Ausgangspunkt für die Expeditionen zu den nördlich gelegenen 8000er Bergriesen des Karakorum. Uns zieht es jedoch nach Süden! Nicht allzu weit von der „line of control“ gibt es eine wilde Piste über die Plains of Deosai. Dass hier der Himalajabär zuhause ist, kann uns nicht schrecken. Meter für Meter kämpfen wir uns die steilen Rampen empor, die oft nicht mehr fahrbar sind. Selbst ein Schneegestöber hält uns nicht auf, dann ist das über 4000 Meter hohe Plateau erreicht. Die Wegequalität ist miserabel aber die Landschaft entschädigt. Eine klirrendkalte Nacht lässt unser Umfeld in einem Raureifkleid erstarren, an dem sich die ersten Sonnenstrahlen in einem glitzernden Reigen brechen. Dem steht der tiefblaue Sheosar See an Schönheit nicht nach. Ein letzter 4000er Pass und wir nähern uns der Zivilisation, die uns viel früher als gedacht eine asphaltierte Straße präsentiert. Auf den Terrassenfeldern ist geschäftiges Treiben. Kartoffeln werden gerodet, Getreide geerntet und gedroschen oder getrocknete Früchte von Dächern eingesammelt. Und wieder wird´s eng. Durch eine wilde Schlucht schäumt  der Astor dem Indus entgegen. Trotzdem hat man noch Platz für eine Straße gefunden, die in ihrer Konstruktion die Straße in der Indusschlucht an Kühnheit übertrifft.

Wieder am Indus und auf dem KKH, beginnt der Endspurt. Im Kaghan Vally werden wir mit den für die Menschen tragischen Kräften der Natur konfrontiert. Im Oktober 2005 hat ein schreckliches Erdbeben diese Region heimgesucht. Tausende starben unter den zusammenbrechenden Häusern oder wurden obdachlos, Strommasten knickten wie Streichhölzer und in der Hauptstraße waren plötzliche Absätze von mehr als einem Meter. Doch das Leben geht weiter, auch wenn es noch immer im Zelt ist. In manchen Orten ist selbst nach einem Jahr noch kein Strom und die Straßen sind gerade mal wieder notdürftig befahrbar.

Pünktlich erreichen wir nach 1900 km im Fahrradsattel die Doppelstadt Islamabad/Rawalpindi. Die gigantische Schah Faisal-Moschee mit Ihren 90 m hohen Minaretten wollten wir zum Abschluss der Reise ebenso wenig verpassen, wie die quirlenden Basare in der Altstadt von Pindi, wie die Einheimischen liebevoll Ihre Metropole nennen.
© 2000-2010 by christoph hoffmann & dr. lutz gebhardt