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Südamerika III - Dem Villarica aufs Dach Südamerika

Vor nicht einmal drei Tagen waren wir im südchilenischen Temuco gelandet. Mit 15 °C Lufttemperatur und bedecktem Himmel ist das Wetter nicht das was wir für Anfang November erwarten. Normalerweise müsste das Wetter hier auf der Südhalbkugel, unserem Mai entsprechen. Das haben wir irgendwie wärmer in Erinnerung, deshalb entscheiden wir uns für die kurzen Radhosen.

mehr Bilder„Una Lina, una Lina” ruft unser Bergführer immer wieder, als wir nach einer Pause weiter die Bergflanke empor kraxeln. Waren wir bisher mehr oder weniger ungeordnet nach oben getrottet, versuchte Roberto jetzt, da die Steigung langsam nennenswert wird, Ordnung in unseren Haufen zu bringen. Als erstes werden wir in die Benutzung des Eispickels eingewiesen, den bis jetzt die meisten irgendwo am Rucksack oder weniger professionell am Gürtel befestigt hatten. Ab jetzt sollten wir alle in einer Reihe, immer hinter unserem Führer, weiter laufen. „Una Lina, una Lina“ schallt es wieder über den Hang, weil es mit der Disziplin in unserer großen Gruppe nicht gleich klappt.

Schon am Vortag hatten wir die Besteigung des 2840 Meter hohen Vulkan Villarrica bei einem der vielen Reisbüros in der Av. O`Higgens von Pucón gebucht. Am Abend konnten wir uns bereits passende Bergsteigerschuhe aussuchen. Als endlich ein Paar passte, wurde ein breiter Klebestreifen an die Schuhspitzen gepinnt, den wir dann mit unseren Namen beschrifteten. Dann galt es nur noch Getränke und Verpflegung besorgen, denn die hatte jeder selbst mitzubringen.
Am Morgen riss uns 6.30 Uhr das Weckerpiepsen aus den Träumen. Leise schlichen wir durch das hellhörige Hotel in den Frühstücksraum, wo ein Müslifrühstück ohne Tee oder Kaffee auf uns wartete. Pünktlich um 7.30 Uhr fanden wir uns bei „Anden Sport Tours“, unserem Veranstalter ein. Dort wimmelte es bereits wie im Ameisenhaufen. Noch mussten wir unsere Bergsteiger-Ausrüstung in Empfang nehmen, aber keiner wusste wie es jetzt weiter gehen sollte. Jeder griff sich ein paar Kleidungsstücke und hoffte, das Richtige zu finden. Aber alles dauerte verdammt lange. Dann hatten wir einen winddichten Anzug an, einen Rucksack mit Steigeisen und Gasmaske auf dem Buckel sowie Handschuhe und warme Mütze in der Hand. Es war fast 9 Uhr als wir endlich in einem Kleinbus saßen, der langsam aus der Stadt rollte.

Der Himmel hing voller grauer Wolken, die verdammt nach Regen aussahen während sich das Fahrzeug über grobe Pisten den steilen Vulkansockel empor quälte. Obwohl wir uns schon im NP befanden, gab es links und rechts Bauernhöfe, die die fruchtbaren Vulkanböden nutzen. Daneben ragten mächtige Baumriesen in den Himmel, die aber nur kleine Baumkronen tragen.

Wir haben kaum damit gerechnet, doch auf einmal durchstoßen wir die Wolkendecke und sehen den prächtigen Vulkan in grellsten Sonnenschein vor uns. An der Schneegrenze, noch weit vor dem Refugio, müssen wir aussteigen. Mit der Sonnenbrille auf der Nase und dem Rucksack auf dem Buckel marschieren wir los. Neidvoll erblicken wir andere Gruppen, die schon weit vor uns an der Bergflanke empor stapfen. Schnell merke ich, dass wir viel zu warm angezogen sind. Die pralle Sonne brennt von einem tiefblauen Himmel und es weht auch kaum ein kühlendes Lüftchen. Während einige ihre Oberbekleidung bis auf das T-Shirt abgelegt haben, öffne ich meine Jacken, um nicht ins Schwitzen zu geraten. Noch laufen wir im Bereich der Skilifte, die nach Abschluss der Wintersaison gerade wieder in Stand gesetzt bzw. gewartet werden. An der Bergstation ist eine 15-minütige Pause geplant. Als wir ankommen, bricht die Gruppe vor uns gerade auf.

Von hier aus wird der Aufstieg steiler. Wir laufen jetzt alle im Gänzemarsch hinter unserem Führer Roberto her, der in kleinen Schritten im Zickzackkurs den weiteren Weg markiert. „Una Lina, una Lina” ruft er wieder, sobald einer aus der Reihe ausbricht. Zuerst bin ich froh, als die Sonne hinter ein paar Wolken verschwindet, aber mit der Zeit wird es kalt. Stunde um Stunde vergeht, ohne dass wir das Ende des Aufstieges absehen können. Inzwischen hat der Wind erheblich aufgefrischt und jagt Wolkenfetzen zu uns herüber. Eine vor uns gestartete Gruppe haben wir überholt, wenig später hüllt uns Nebel ein. Nun kann man weder nach unten, noch nach oben sehen. Ich bin ganz froh darüber. Setze ein Fuß vor den anderen, sehe nur stur auf die Fußstapfen meines Vordermannes, ohne meinen Blick nach links oder rechts schweifen zu lassen. Das gibt mir Sicherheit. Jetzt steuern wir auf einen stark vereisten Grat zu, der aus dem Nebel auftaucht. Nach einigen Minuten haben wir ihn erreicht und klettern über die nicht allzu hohe Barriere, hinter der eine kleine Ebene Platz für eine Pause bietet. Wir sind bereits mehr als fünf Stunden unterwegs, trotzdem können wir es kaum glauben, als der Bergführer uns sagt dass es nur noch 10 Minuten bis zum Gipfel sind. Der Wind fegt jetzt mit eisiger Kälte über den Schnee und wir ziehen die winddichten Kapuzen fest und die Handschuhe an. Die Rucksäcke sollen wir hier liegen lassen. Ich verstaue meinen Fotoapparat unter der Jacke und stapfe den anderen hinterher. Zum Glück ist die vereiste Vulkankuppe mit Schnee bedeckt, so dass wir auch das letzte Stück des Weges ohne Steigeisen bewältigen können.

Tatsächlich stehen wir zwölf Minuten später in 2840 Meter Höhe am Kraterrand – und sehen nichts! Dichter Nebel hüllt uns ein. Noch nicht einmal nach Schwefel riecht es hier. Normalerweise ist über dem Vulkan ständig eine Rauchwolke und im Krater glühende Lava zu sehen. Diesen Anblick wollten wir auf unserer Reise auch erhaschen, aber schon seit Wochen ist es merkwürdig ruhig um den Gipfel. Ist der Kraterrand sonst selbst im tiefsten Winter schneefrei, so dass man ihn gefahrlos umrunden kann, so ist er jetzt von mächtigen Schneewächten umgeben, so das uns Roberto warnt zu nah an den Rand zu treten. Für Sekunden bläst der Wind die Sicht in den erstarrten Feuerschlund frei, aber bevor der Fotoapparat in Stellung gebracht ist, hüllen uns neue Nebelschwaden ein. Unerwartet bläst der Wind dann doch noch die Kuppe frei. Nun können wir in den erstarrten Feuerschlund sehen. Wo sonst glühende Lava blubbert, ist nur erstarrtes Gestein zu sehen. Einige Rauchwölkchen quellen aus Gesteinsritzen und geben Zeugnis eines feurigen Innenlebens. Wir müssen uns mit diesem Anblick zufrieden geben und können wenigstens unseren Gipfelerfolg fotografisch festhalten.

Nach einer halben Stunde verlassen wir den Gipfelring. Rosé erklärt uns, wie wir die Füße setzen müssen, damit wir beim Abstieg nicht so schnell den Halt verlieren und wie man im Fall der Fälle den Eispickel einsetzen soll, damit man nicht zu weit abrutscht. Die ersten Schritte führen zurück zu unseren Rucksäcken. Kurz danach dürfen wir auf den extra verstärkten Hosenboden unserer Anzüge nach unten rutschen. Das ist ein Gaudi! Die Beine angewinkelt und den Eispickel vor der Brust schlittern wir wie eine Herde Kindergartenkinder den Abhang hinab. Mein Hinterteil hinterlässt eine breite Spur, ehe sich der Schwung in einem flacheren Abschnitt verliert. Nach ein paar Schritten stürze ich mich mit Anlauf in eine schon benutzte Furche und sause meinem Vordermann mit Karacho hinterher. Nur unter Einsatz meines Eispickels kann ich einen Zusammenstoß verhindern. Als ich diesen neben mir in den Firn ramme, ist der Ruck so stark, dass es mir fast den Arm ausreißt. Ein beruhigendes Gefühl für den Ernstfall.

Inzwischen haben sich die meisten Wolken verzogen, die noch vor kurzer Zeit den Berg vollständig einhüllten. Nun können wir eine phantastische Rundsicht genießen. Rechter Hand glitzert zwischen hohen Bergen die Wasserfläche des Lago Caburga. Vor uns leuchtet der Lago Villarrica in dem ich gestern baden war und dahinter können wir sogar noch den Lago Colico erkennen. In östlicher Richtung heben sich von Minute zu Minute die weißen Berge des Andenhauptkammes immer deutlicher aus den Wolken.
Die Rutschpartien sind nun leider vorbei und haben ihre Spuren hinterlassen. Alle vier Hosen die ich übereinander an habe, sind nun nass und ich habe ein Gefühl, wie ein Kind das gerade von den Windeln entwöhnt wird. Jetzt geht es nur noch Schritt für Schritt durch den nassen Schnee hinab. Aus der halbwegs geordneten Linie des Aufstiegs ist nun beim Abstieg ein verstreuter Haufen geworden. Müde erreichen wir den Kleinbus der uns zurück nach Pucón bringt. Auch hier ist jetzt richtig tolles Wetter, aber wir sind für weitere Unternehmungen zu kaputt. Nach dem Duschen wählen wir den bequemsten Weg und gehen gleich in unserer Herberge essen. Vor allem wer vegetarische Kost liebt, kommt hier auf seine Kosten, wer aber Fischfan ist, darf einen Besuch im Ecolé nicht versäumen. Der Lachs, der hier serviert wird, ist das Beste, was ich je in dieser Richtung gegessen habe. Auf dem Teller erwartet mich ein großes, fast 3 cm dickes Stück leuchtend roten Fischs.

© 2000-2010 by christoph hoffmann & dr. lutz gebhardt